Lesetipp

 

 

Die erste Durchsage des nächsten Halts klingt in der Pariser Métro immer wie eine Frage, das empfindet zumindest die Autorin so. Etwa in der Art: „Montparnasse?“ Wenig später bestätigt sich die zuvor unsichere Métro-Stimme selbst, in der Wiederholung dann allerdings entschlossen und energisch: „Montparnasse!“ Ich liebe solche an sich belanglosen Informationen oder Ideen, wie sie im Debüt-Roman von Elsa Koester am laufenden Band vorkommen. Das nur am Rande.

 

Doch wovon handelt ihr Buch „Couscous mit Zimt“? Es erzählt vorrangig das Leben der Frauen aus drei Generationen der recht temperamentvollen Familie Bellanger. „Ach weißt du, die Frauen in der Familie, die sind schon immer kompliziert gewesen, sie haben sich immer viel gestritten, niemand konnte sie beruhigen, ich habe es wie Marcel gemacht, ich habe mich da rausgehalten, etwas Besseres konnte man nicht tun, wenn es losging zwischen den Frauen, aber da sei dir mal sicher, Cousinchen, deine Großmutter hatte einen starken Charakter!“ Philippe bringt es mit diesem nicht enden wollenden Satz aus der Buchmitte gegenüber Lisa auf den Punkt.

 

Lisas Großmutter ist die steinalt gewordene Lucile, die mit ihren Töchtern einst aus Tunesien nach Frankreich fliehen musste. Erst als über Hundertjährige hat die eigenwillige Französin, die Gott nie um Kinder gebeten hatte, beschlossen zu sterben – und auch das erst, nachdem ihre Tochter Marie, Lisas Mutter also, an unheilbarem Krebs erkrankt ist und ihrer sturen Mutter kurz darauf in den Tod gefolgt ist. So kommt die in Berlin lebende Enkelin Lisa in den Besitz der Pariser Eigentumswohnung in der Avenue de Flandre, in der Marie auch gern gelebt hätte – obwohl die Wohnung ihrer Ansicht nach zeitlebens nichts als Ärger gemacht hatte und sie Paris anfangs sogar verabscheut hatte. Sicherlich hatte die alkohol- und nikotinsüchtige Marie bei ihrer Bemerkung auch an das Geld gedacht, das sie ihrer Schwester Solange schon früh für die Überlassung der Wohnung gegeben hatte, ohne zu ahnen, dass Mutter Lucile sie um ein Haar sogar überlebt hätte.

 

Im Zentrum der tunesisch-französisch-deutschen Geschichte steht  auch Lisa. Die junge Frau kommt nach Paris, um sich um Großmutters Nachlass zu kümmern und einen möglichen Verkauf des großen Appartements abzuchecken. Ganz unbewohnt ist die Wohnung allerdings nicht, da Lisa sie Larissa, einer flüchtigen Freundin, vorübergehend zur Verfügung gestellt hat. In Paris angekommen, werden für Lisa positive wie negative Erinnerungen an die Familie und ihre heimatlose „Mittelmeermutter“, wie Marie sich zuweilen selbst betitelte, lebendig. Und es kommen neue Erfahrungen hinzu, wie beispielsweise ein Wasserschaden, den sie nur der Boshaftigkeit ihrer Tante Solange zu verdanken hat. Die überwiegend gut gelaunte Larissa erweist sich dagegen in vielen Situationen als zuverlässige Freundin, die ihr den Rücken stärkt. Sie ist für Lisa auch eine unvoreingenommene Gesprächspartnerin, eine Art Stadtführerin, eine gelegentliche Übersetzerin sowie eine gute Ratgeberin.

 

Mehr möchte ich an dieser Stelle über Elsa Koesters Buch, das die drei Generationen einer charakterstarken wie chaotischen Familie nachsichtig und unterhaltsam sowie aus unterschiedlichen Perspektiven porträtiert, nicht verraten. Ich erinnere mich wieder an die unsichere Métro-Stimme: „Eine gute Lektüre?“ „Eine gute Lektüre!“ Möglich, dass in der energischen Bestätigung noch ein „sehr“ steckt – möglich aber auch, dass sich die belesene Hundertjährige aus der Avenue de Flandre ein allerletztes Mal eingemischt hat.